Surfend von Cancún nach Campeche

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Wer gerne reist, und damit meine ich keine All-Inclusive-14-Tage-Luxusresort via Reisebüro, sondern richtiges Reisen – die Welt entdecken, sich wie Christoph Columbus fühlen, den Wind in den Haaren spüren, mit Händen und Füßen kommunizieren, nicht wissen was einen erwartet und genau das spannend finden, sich manchmal einsam, manchmal in bester Gesellschaft fühlen ganz gleich ob man fremd einander ist, sich selbst auf die Probe stellen, sich außerhalb der eigenen Komfortzone befinden – diese Art des Reisens; der wird sich wohl oder übel auch das ein oder andere mal Gedanken übers Geld gemacht haben. Die wenigsten Backpacker haben zuvor als Anwalt gearbeitet und konnten monatlich nen Tausender aufs Sparbuch packen. Die meisten von uns sind Gelegheitsjobber gewesen, die sowieso ihren Platz in der Welt noch nicht so richtig gefunden haben. Dass jeder also mit tausenden von Euro aufbricht, ist eher unwahrscheinlich. Viel realistischer scheint es doch, dass wir Schnäppchenjäger sind, die versuchen aus ihrem Mäusebudget einen Elefanten herauszuholen. Work & Travel ist die eine Option, leider aber nicht in jedem Land problemlos umsetzbar. In Mexiko beispielsweise darf mit einem Touristenvisum kein Geld verdient werden. Das Schlupfloch Arbeit gegen Kost & Logie bleibt natürlich, sodass man insbesondere in Backpackerhostels immer wieder sogenannte „Volonteers“ trifft. Jedes andere Visum was zum Arbeiten Voraussetzung ist, so das FMT 2, bekommt man erst nach Beantragung und mehreren Monaten Mexikoaufenthalt gewährt. Was also tun, wenn Essen und Unterkünfte zwar preiswert sind, das Budget sich aber dennoch dem Ende zuneigt?

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Zwar reisen wir mit Zelt und Luftmatratzen durch Amerika, doch nicht jeder Backpacker hat eine Campingausrüstung dabei. Zudem ist wildes Campen nicht immer möglich und Campingplätze sind in vielen Teilen des Kontinents keine Selbstverständlichkeit. Da auch wir somit immer wieder im Zwiespalt waren und uns geärgert haben wie viel Geld wir eigentlich „im Schlaf“ ausgeben, stundenlang Seiten wie Airbnb, Booking und Hostelworld verglichen haben um das günstigste Bett in der Stadt zu ergattern, hat uns das nachdenklich gemacht. Es musste doch möglich sein, diese geldschluckende Notwendigkeit des Schlafens irgendwie zu umgehen.. und so sind wir schließlich auf Couchsurfing gestoßen. Nicht, dass wir nicht schon davon gehört hätten – die Community ist groß und Angebote lassen sich fast überall auf der Welt finden – doch irgendwie hatten wir das nie so recht auf dem Radar. Der ein oder andere mag sich fragen – Couchsurfing und Mexiko? Passt das zusammen? Ist das nicht viel zu gefährlich?… Doch genau diesen Fragen mussten wir uns vor ein paar Monaten schon einmal stellen, als viele unsere Pläne mit dem Backpack durch Mexiko zu reisen anzweifelten und Bedenken äußerten. In den Medien machen meist die Themen Schlagzeilen, die Emotionen auslösen, das ist kein Geheimnis. Dass die Halbinsel im Südosten des Landes völlig sicher und drogenskandalfrei ist, wird wohl kaum Schlagzeilen machen. Wir haben uns in den vergangenen Wochen nicht einmal unsicher gefühlt – ganz im Gegenteil – wir sind offenherzig und mit einer unglaublichen Gastfreundlichkeit aufgenommen worden. Da wunderte es uns nicht, dass hier per Anhalter fahren und Couchsurfing als völlig selbstständlich gelten.

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Unsere erste Couchsurfing-Erfahrung haben wir in Cancún gemacht. Wir sind in dem kleinen Stadtviertel Bonfil gelandet, weit abseits vom Touristentrubel. Ein kleiner, herzlicher, typisch mexikanischer Bezirk in der Nähe des Flughafens. Dennoch brauchten wir mit dem Bus nur knapp 20 Minuten ins Zentrum und konnten uns jeder Zeit an leckeren lokalen Snacks satt essen, die wir so sicher nie in Touristengegend gefunden hätten. Gelandet sind wir dort bei einem schwulen mexikanischen Pärchen, die gerade umgezogen waren und dort zusammen mit noch zwei weiteren Freunden wohnten. Geschlafen haben wir auf unseren Luftmatratzen im Wohnzimmer, Bad und Küche waren uns jederzeit zugänglich und bekocht wurden wir sogar hin und wieder auch. Die ersten beiden Nächte teilten wir uns den Platz noch mit zwei Argentiniern, die ebenfalls gerade auf Mexikotour waren. Wir saßen alle auf dem Boden, Emilio spielte Gitarre und wir reichten Mate-Tee im Kreis. Wir tauschten Geschichten aus übers Reisen, lernten die jeweils andere Kultur ein Stückchen näher kennen und hatten eine unvergessliche Zeit.

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Nach so einer tollen ersten Couchsurfing Erfahrung, waren wir hungrig auf mehr. Auch auf unserem nächsten Zwischenstopp, in Merida, fanden wir eine Couch. Diesmal bedeutete dies sogar ein eigenes Zimmer mit Bad! Wir waren begeistert und konnten unser Glück kaum fassen. Die Unterkunft war schöner als all die, für die wir bisher gezahlt hatten und das ganze war auch noch umsonst. Zwischenmenschlich hat es diesmal leider nicht ganz so gut gepasst, so überraschte es uns auch wenig, dass sich plötzlich die Mutter zum Besuch angemeldet hatte und wir ausziehen mussten, auch wenn das doch recht kurzfristig kam. Kurzerhand packten wir unsere Sachen und schrieben auf der Website eine Nachricht nach der anderen ob nicht irgendwer für die Nacht noch ein Plätzchen frei hätte.

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2 Stunden später waren wir auf dem Weg zu Christian, halb Mexikaner, halb US-Amerikaner, der in Mexiko D.F. aufgewachsen war und nun gerade mitten im Umzug von Merida nach Medellin, Kolumbien, steckte. Er war spontan und nahm uns gerne für die restliche Zeit auf. Dass wir auch hier wieder ein eigenes Zimmer bekamen überraschte uns – unsere bisherige Vorstellung von Couchsurfing war ganz anders gewesen. Dass es scheinbar gar nicht so ungewöhnlich war einen eigenen Raum mit Bett zur Verfügung gestellt zu bekommen, hätten wir nicht erwartet. Die Lage war auch diesmal wieder nicht im historischen Zentrum der Stadt, sondern einem gutbürgerlichen Bezirk, deutlich zentraler jedoch als die letzten beiden Wohnungen. Interessant finden wir vor allem zu sehen wie fremde Menschen in ihren eigenen 4 Wänden leben und eingerichtet sind, was im Kühlschrank zu finden ist, ob sie eher sauber oder unordentlich wohnen, viel zu hause oder viel unterwegs sind und natürlich die Geschichten, die sie zu erzählen haben. So bekommt man einzigartige Einblicke in das Leben anderer Menschen – spannend und zugleich kostenlos. Was bewegt Menschen dazu ihre freien Zimmer für null Euro die Nacht zu vermieten? Diese Frage stellten wir uns immer wieder. Ist es allein die Erfahrung und das Zusammenkommen mit Gleichgesinnten? Schließlich waren bisher alle unsere Gastgeber reisebegeistert. Vielleicht ist es auch die Gewissheit der Hosts einen Schlafplatz zu haben, wenn sie selbst durch die Welt reisen und ihre bisherigen Surfer besuchen können.

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Nach drei Nächte bei Christian machten wir uns schließlich auf nach Campeche. Romina hatte eingewilligt uns bei sich aufzunehmen – ein erfahrener Host und selbst ehemalige Couchsurferin. Wir waren gespannt und fuhren mit gutem Gewissen los – diesmal dürfte alles einfach werden. Romina hatte vorgeschlagen uns am Busbahnhof abzuholen. Die letzten Male hatten wir Stunden damit verbracht endlich das richtige Haus zu finden – Hausnummern und Straßennamen sind in Mexiko selbst für Taxifahrer eine grosse Herausforderung, wie wir am eigenen Leib feststellen mussten. Doch Romina war sich dem Problem wohl bewusst, so viele Backpacker wie sie schon bei sich aufgenommen hatte. Sie sammelte uns also ein, wir luden das Gepäck schnell Zuhause ab und fuhren direkt weiter zu einem ihrer Lieblingsrestaurants. Alle drei waren wir hungrig und freuten uns darauf uns beim Essen näher kennenzulernen. Promt kam auch schon der Vorschlag sie und ihre Freunde diesen Abend beim Baseball schauen zu begleiten. Baseball ist der mit Abstand beliebteste Sport hier und die Stadien sind meist ausverkauft. Umso ärgerlicher war es, dass der Ticketstand noch geschlossen war, Romina zurück zur Arbeit musste und wir uns abends auf eine lange Schlange gefasst machen durften. Wir verabredeten uns also für 19.30 Uhr vorm Stadion, mit besonderer Vorfreude, da an diesem Tag Tickets für Frauen umsonst waren! Den Rest des Tages nutzten wir noch um die Altstadt Campeches näher zu erkunden und trafen abends pünktlich am Treffpunkt auf Romina und ihre Freunde.

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Es war schön, direkt aufgenommen und integriert zu werden – so lernte man die fremde Kultur noch besser kennen, bekam einen Einblick in den Alltag anderer Menschen. Als wir allerdings abends erfuhren, dass die Karten doch nicht kostenfrei waren und der Eintritt einfach nicht in unser Backpacker Budget passte, entschieden wir uns lieber für einen ruhigen Abend Zuhause. Rominas Freunde trafen wir erneut als sie alle zum „Game of Thrones“ schauen am Sonntag einlud und auch mit unserer Gastgeberin unterhielten wir uns immer wieder gerne, waren froh so einen Volltreffer gelandet zu haben – sie war bisher mit Abstand der beste Host den wir kennenlernen durften – aufgeschlossen, redefreudig, einfach sympathisch. Auch ihre beiden Hunde hatten wir sofort ins Herz geschlossen.

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Vom ersten Tag an fühlten wir uns willkommen. Wir fragten uns auf wen wir wohl noch treffen würden auf unserer Reise, was uns noch erwarten würde, bei wem wir alles landen würden und in wessen Alltag wir dank Couchsurfing noch so alles blicken würden. All das stand bisher nur in den Sternen, doch genau das machte auch einen Teil des Reisens aus – die Ungewissheit. Spontan musste man sein, offen und flexibel. Wer voreingenommen und mit Scheuklappen durch die Welt geht, der verpasst das Leben.

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