Island: Im Schlund des Feuerbergs

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Am Kraterloch des isländischen Thrihnukagigur Vulkans beginnt meine Reise ins Erdinnere. Wo früher die Lava brodelte, bestaunen Gäste heute das Herz der schlafenden Naturgewalt. Ein weltweit einzigartiges Erlebnis. Ein schwarzes Loch erwartet mich. 120 Meter tief. Direkt unter meinen Füßen. Über das Geländer der schmalen Metallbrücke, auf der ich stehe, kann ich in den dunklen Schlund des Kraters blicken und sehe – nichts. Vielleicht ist das auch besser so, wer möchte schon einen tödlichen Abgrund unter sich erblicken. Mit zitternden Knien steige in einen Metallkorb, der bedrohlich schwankt. Einen kurzen Moment später setzt er sich ruckelnd in Bewegung, der Motor rattert, das Gerüst knarzt. Meter für Meter gleite ich in das finstere Loch hinein, vorbei an schroffen Felswänden, die ich mit ausgetrecktem Arm berühren kann. Nach den ersten sechzig Metern durch den engen Schlot des Vulkans weichen die Höhlenwände plötzlich zurück. Vor meinen Augen erstrecken sich Kaskaden erstarrter Lava, feuerrote und golden schimmernde Wände von schwarzen Adern durchzogen. Nach sieben Minuten setzt der Korb ruckartig auf dem Jahrtausende altem Lavagestein auf. Die Öffnung des Kraters ist nur noch ein winziger Lichtfleck weit über meinem Kopf. Ich stehe, wo einst die Lava brodelte, bin im Inneren der Erde angekommen.

 

Thrihnukagigur volcano, Iceland.

Thrihnukagigur volcano, Iceland.

 

Am frühen Morgen hatte mich Sólveig Arnarsdóttir, 40, eine drahtige Frau, rot-blonde Haare, durchdringende blaue Augen, auf einem Parkplatz in Reykjavik abgeholt. Eine Stunde fuhren wir ins isländische Hochland bis wir an einem Parkplatz mitten im Nirgendwo ankamen. Zu Fuß ging es auf schmalen Pfaden durch die unwirtliche Vulkanlandschaft. „Es ist ein sehr aktives Gebiet, kleine Erdbeben sind häufig, aber keine Region wird so gut überwacht wie diese“, erklärte mit Sólveig, „denn Reykjavik ist erschreckend dicht dran.“ Doch der Berg, der einst feuerspie, schläft seit mehr als 4.000 Jahren. Und was er zurückließ, gibt der Wissenschaft Rätsel auf. „Normalerweise fallen Krater nach einem Ausbruch in sich zusammen oder schließen sich wieder, doch der Thrihnukagigur ist offen geblieben.“ Während Sólveig die Fahrt in den gähnenden Schlund des Vulkans schon Dutzende Male hinter sich gebracht hat, atme ich erleichtert auf, als die Gondel auf der dicken Geröllschicht aus Lavagestein aufsetzt. An den Seiten führen düstere Spalten weiter ins Vulkaninnere. Ehrfürchtig blicke ich auf die massiven Wände, die mich umschließen – und fühle mich winzig. Die Macht der Urkräfte, die diesen gewaltigen Raum erschaffen haben und unter uns allen brodeln, ist mir auf einmal erschreckend nahe.

 

© Vilhelm Gunnarsson

© Vilhelm Gunnarsson

 

Ich steige aus dem Korb und bestaune das Farbenspiel an den Felswänden. Goldgelb, violett, grün, rubinrot. Mir war nicht bewusst, dass die Erde in ihrem Inneren so bunt ist. Ein dünner Wasserfall  ergießt sich in den Vulkan, lässt die Luft im Schein der letzten Lichtstrahlen wie Diamanten funkeln. Dicke Tropfen fallen auf meinen weißen Schutzhelm, schnell flüchte ich aus der „drop zone“ unterhalb des Lochs, in der neben Wassertropfen auch immer mal wieder Steine runterfallen und zu gefährlichen Geschossen werden. Ich schaue der Gondel nach, die sich zurück auf den Weg ans Tageslicht macht, und bald kaum noch auszumachen ist. Sie lässt mich im Schlund des Vulkans zurück. Doch ich bin nicht alleine. Neben Sólveig stehen zwei amerikanische Wissenschaftler. Und Árni Stefánsson, 64, Augenarzt, passionierter Höhlenforscher und Entdecker des Vulkans.

 

© Kristin Oeing

© Kristin Oeing

 

Vor vierzig Jahren traf der junge Stefánsson auf einen älteren Mann, der von einem bodenlosen Loch sprach. „Ich bat ihn, mir den Ort zu zeigen“, erinnert er sich. „Mein erster Gedanke war: Wo ist die Lava hin?“ Er studierte Luftbilder, sah eine Auswucherung am Westhang des Vulkans, einen Lavatümpel. Ein zweiter Ausgang – konnte er des Rätsels Lösung sein? An einem Seil ließ sich Árni Stefánsson in die Höhle runter. „Als ich unten ankam, war ich enttäuscht. Es gab keine Formationen, keinen zweiten Ausgang, keine Antworten auf meine Fragen.“ Und so dauerte es fast zwanzig Jahre bis er wiederkam. „Der Gedanke an die Höhle ließ mich einfach nicht los.“ Im Frühling 1991 seilte er sich erneut in den Schlund hinab, erkundete die Höhle, erfasste ihre Ausmaße. „Da wurde mir klar, dass wir etwas gefunden hatten, was einzigartig auf der Welt ist, ein Weltwunder, das es zu beschützen gilt.“  Seit 2012 können Besucher den Trip ins Erdinnere buchen, gut 260 Euro kostet er, ein exklusiver Preis. „Wir sind eine Non-Profit-Firma, die Einnahmen decken unsere Ausgaben, was übrig bleibt geht in den Naturschutz.“

 

Island-(c)-insidethevolcano.com

©insidethevolcano.com

 

Für mich naht nach einer Stunde der Abschied, nur ungerne steige ich wieder in den Metallkorb ein. Ein letztes Mal blicke ich mich um. Das Farbenmeer im Inneren der Erde werde ich so schnell nicht vergessen. Gerne wäre ich länger geblieben – im bunten Herzen der schlafenden Naturgewalt.

Für weitere Informationen besuche: www.insidethevolcano.com

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