Restaurant day – Gastgeber für einen Tag

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Food at Surf Cafe. Surf Cafe, Helsinki, Finland Restaurant Day 16.2.2014
Photo: Andrew Taylor (andrewtaylorphoto.com)

 

Welchen TV-Kanal man auch einschaltet: Derzeit wird überall gebrutzelt, filetiert, flambiert. Kochen ist Kult. Und nicht wenige Hobbyköche träumen davon, irgendwann einmal ihr eigenes Restaurant zu eröffnen. Gelegenheit hierzu bietet sich ihnen am Restaurant Day. Denn an diesem Tag darf jeder, der möchte, sein eigenes Lokal eröffnen. Was 2011 in Helsinki als Protestaktion gegen die Bürokratie startete, hat sich mittlerweile zum größten internationalen Streetfood Festival entwickelt.

Wann haben Sie zuletzt etwas wirklich Verrücktes gemacht? Mal sämtliche Regeln über Bord geworfen und Vorschrift Vorschrift sein lassen? Du erinnerst Dich nicht? Ist auch nicht verwunderlich. Schließlich bleibt in einer Gesellschaft, in der das tägliche Leben durch unzählige Gesetze und Verbote reguliert ist, oft nur wenig Raum für kreative Ideen. Schade eigentlich. Das dachte sich auch Timo Santala, der 34 jährige Produzent und Journalist. Im Sommer 2011 teilte er zusammen mit seinem Freund Antti Tuomola, der im Lebensmittelbereich arbeitet, die Ansicht, dass es mit viel zu viel Bürokratie verbunden ist, ein Restaurant zu eröffnen. Als sie darüber mit ihrem Freund Olli Sirén sprachen, kam ihnen die Idee einen Food-Karneval in ihrer Heimatstadt Helsinki zu veranstalten. Das war die Geburtsstunde des Ravintolapäivä, übersetzt: Restaurant Day. An diesem darf jeder, der möchte, einen Tag lang ein Restaurant, Café oder eine Bar aufmachen – in den eigenen vier Wänden, in der Garage, im Büro oder im Hinterhof, auf der Straße oder aus dem Kofferraum des Autos. Timo und Antti’s Bar auf Rädern, die sie am ersten Restaurant Day eröffneten, war ein voller Erfolg. Die Tapas, welche die beiden verkauften, waren schnell ausverkauft.

 

KÖTT, Helsinki Ravintolapäivä / Restaurantday 19.5.2012 Photo: Heidi Uutela Lämminmarinoitua "kauden maalaissalaattia". Warm marinated "seasonal countryside-salad".

KÖTT, Helsinki Ravintolapäivä / Restaurantday 19.5.2012
Photo: Heidi Uutela Lämminmarinoitua „kauden aalaissalaattia“. Warm marinated „seasonal countryside-salad“.

 

Viermal im Jahr verwandeln sich Helsinkis Straßen, Parks und Plätze nun also einen Tag lang in einen Jahrmarkt der Genüsse. An nahezu jeder Straßenecke sitzen Menschen auf Plastikstühlen oder umgedrehten Bierkisten und lassen sich in einem der vielen Pop-up-Restaurants verköstigen. Die Auswahl der gebotenen Speisen ist riesig. So finden hungrige Flaneure neben thailändischen Wokpfannen beispielsweise spanische Tapas, orientalische Reisgerichte, Brote mit köstlichen veganen Aufstrichen, russische Piroggen oder eisgekühlte Limonaden. Alles hausgemacht. Mit viel Herzblut und Liebe. Nach Rezepten, wie sie die Großmutter noch kannte. Das Tolle daran: Niemand bleibt lang allein. Dass man nicht immer die gleiche Sprache spricht, macht die ganze Sache nur noch spannender. Wenn’s sein muss, verständigt man sich auch mit Händen und Füßen und einigen Brocken Englisch. Und kaum dass man sich versieht, hat man über einem Rote-Beete-Süppchen oder einem Schokomuffin neue Freunde gefunden.

 

Sillibaari, Helsinki Ravintolapäivä / Restaurant Day 19.8.2012 Photo: Anssi Kumpula Sillibaarin Kirsti Tuominen yllättää ravintolapäiväruokailijan siika-saaristolaisleipä-alkupalalla. Henning Bar's Kirsti Tuominen surprises with powan appetizer.

Sillibaari, Helsinki Ravintolapäivä / Restaurant Day 19.8.2012
Photo: Anssi Kumpula Sillibaarin Kirsti Tuominen yllättää ravintolapäiväruokailijan siika-saaristolaisleipä-alkupalalla. Henning Bar’s Kirsti Tuominen surprises with powan appetizer.

 

Bei den meisten Locations kann man ganz spontan vorbeischauen, wie etwa am Stand von Ursula Stocker. Die Deutsche, die gemeinsam mit ihrem Mann vor vier Jahren aus beruflichen Gründen nach Finnland kam, bietet am Hafen von Eira selbstgebackene Torten und Kuchen an. Eine logistische Herausforderung, nicht nur weil sie Geschirr, Tische und Stühle selbst von zuhause mitbringen musste. „Wir haben hier ja auch keinen Strom“, sagt sie, „aber zum Glück gute Freunde in der Nähe, die uns nun per Shuttle den Kaffee liefern“. Die Umstände nimmt Ursula gerne in Kauf: „Es macht mich einfach glücklich, für andere zu backen und sie zu verwöhnen“. Ihr Traum von einem eigenen Café wird heute wahr, wenn auch nur für 24 Stunden. Der Verkauf in ihrem „Cafe BAVARIA“ brummt, die Gäste können von den süßen Köstlichkeiten gar nicht genug bekommen: 250 Stück Kuchen mit Apfel und Streuseln, Blaubeeren oder Preiselbeeren, die Ursula im Wald selbst gepflückt hat, Käse- und Schokoladenkuchen gehen an diesem Tag über die Theke. Am Abend wird nichts übrig bleiben. Ursulas Zuckerbäckerinnen-Herz schlägt Purzelbäume.

 

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Asperge Diner Amsterdam 18.05.2013
Photo: Tieneke Postma

 

Für andere Ein-Tages-Restaurants muss man sich zuvor anmelden, zum Beispiel über die Facebookseite des Veranstalters. Denn abends oder bei schlechter Witterung bekochen viele ihre meist wildfremden Gäste in ihren privaten Wohnungen. So wie Eija Antinoja. Über Facebook hat sie zu einem finnisch-japanischen Menü in ihre Wohnung im Stadtteil Haaga eingeladen. Eine überraschende  Kombination, die daher rührt, dass die Familie gerade eine Austauschschülerin aus Japan zu Gast hat. „Deshalb habe ich meinem Restaurant auch den Namen „Koto-kahvila“ gegeben“, sagt Eija. „Koto ist Finnisch und bedeutet zu Hause, aber so heißt auch das japanische Instrument“, erklärt sie. Für ihre Gäste zaubert die 61-jährige Übersetzerin eine Auberginen-Mozzarella-Lasagne, Linseneintopf mit Chorizo sowie Sushi, die Eija mit Hilfe ihrer japanischen Austauschschülerin zubereitet. Als Nachtisch gibt es Kaffee mit „korvapuusti“, einer Art Zimtschnecke, die in Finnland so etwas wie die National-Nascherei ist.  Für so viele Menschen zu kochen macht Eija Spaß, aber es ist auch viel Arbeit: „Ich habe gestern den ganzen Tag gekocht“, sagt sie. Abends sind alle Stühle besetzt, es wird erzählt und gelacht. Finnen seien normalerweise nicht so lebhaft, meint Eija, aber für eine halbe Stunde ist es in ihrem Wohnzimmer so laut wie lange nicht. Den Gästen schmeckt es, sie sind happy. Eija auch. Dass sie das nächste Mal wieder Gastgeberin sein wird, steht fest.

 

 

Restaurant Day

Nicht nur die Finnen lieben Streetfood. Der Restaurant Day hat mittlerweile Fans rund um den Globus: In 72 Ländern, darunter in China, Südafrika, Deutschland, in Nepal, Neuseeland Kasachstan und Mosambik registrierten sich seither rund 80.000 Hobby-Gastronomen mit fast 22.000 Restaurants, in denen sie 2,5 Millionen Gäste bewirteten. Der nächste Restaurant Day findet am Samstag, 21. November statt. Vielleicht ja auch in Ihrer Stadt. Sind Sie dabei? Alle Infos und Anmeldung für interessierte Gastgeber unter www.restaurantday.org

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