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Äthiopien: Farben des Südens

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Das Ortseingangsschild von Addis Abeba verschwindet im Smog der Hauptstadt und unser Jeep hüpft auf und ab, während sich unser Fahrer Sisay seinen Weg durch die Schlaglöcher bahnt. Esel, Ziegen und Schafherden mitten auf der Straße. Rushhour? Nichts, was diese Tiere aus der Ruhe bringen könnte.

 

Unsere Reise von der äthiopischen Hauptstadt in den Süden des Landes ist 600 Kilometer lang und wird uns durch einsame, entlegene Gegenden, Dörfer und Kleinstädte führen. Sie wird uns außerdem in die ‘Southern Nations, Nationalities and People’s Region’ führen, Heimat einiger der vielen farbenfrohen ethnischen Gruppen Äthiopiens, die ihre Traditionen und Kulturen auch heute noch vollständig bewahrt haben.

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©Anne Steinbach

Nach vier Stunden Fahrt leeren sich die Straßen. Jetzt gibt es hier nur noch die Touristen-Jeeps und die einheimischen Herden. Während wir an riesigen Feldern entlangfahren, verschwinden sogar die Häuser nach und nach. Alle paar Kilometer sehen wir ein paar kleine Hütten am Straßenrand. Hütten, die aussehen wie Ameisenhügel aus Heu und Steinen – die Behausungen der Konso. Die Konso sind die fleißigsten Bauern Äthiopiens. Wohin ich blicke, sehe ich junge Mädchen und ältere Frauen, die riesige Heuballen auf dem Rücken tragen, oder Jungen und ihre Väter, die trotz der sengenden Hitze von 40 Grad versuchen, ihre Tiere umherzutreiben. Nichts scheint sie von ihrer Arbeit abhalten zu können, nicht einmal für eine Sekunde.

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©Anne Steinbach

Unser Wagen passiert kurvige Straßen. Dieses Mal halten wir, weil ein paar Kinder mitten auf der Straße stehen und wie kleine Profis gekonnt mit dem Hinterteil wackeln. “Das ist ihr traditioneller Tanz”, erklärt Sisay, der aus Addis Abeba stammt. Wir beobachten diese Kinder aus der Volksgruppe der Dorze, die uns auf unseren Besuch einstimmen, noch bevor wir eines der Dörfer erreicht haben. Das Land der Dorze ist nur halb so intensiv bewirtschaftet wie das der Konso. Auf den Straßen sehen wir auch weniger Tiere oder arbeitende Einheimische. Hier treffen sich die Männer gern zu einem Spaziergang, in der Hoffnung, dass ein Jeep mit Touristen vorbeikommt. Schon hat man uns entdeckt, und innerhalb von Sekunden springt ein Rastafari mit breitem Grinsen und glänzender Kleidung in unseren Wagen. Ganz aufgeregt beginnt er auf uns einzureden.

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©Anne Steinbach

Das Dorf der Dorze liegt im Herzen Südäthiopiens nahe der Stadt Arba Minch. “Seht mal, das hier ist ein traditionelles Haus. So leben wir hier. Macht ruhig ein Foto”, erklärt uns der hochmotivierte Rastafari, der wohl so Mitte dreißig sein wird. Dann springt uns unser Guide vor das Blitzlicht, um uns schon wieder raus aus dem traditionellen Haus und rein in den Dorfalltag zu führen. “Meine Schwester backt gerade Brot, das sollten wir uns ansehen.” Er marschiert in einem Tempo los, als blieben uns nur noch wenige Sekunden, um dieses faszinierende Spektakel zu beobachten. Vom anderen Ende des Dorfes sind laute Stimmen zu hören. “Willkommen in der Dorze Bar”, ruft unser Guide mit einem Grinsen, das so ansteckend ist, dass man ihm den Barbesuch einfach nicht abschlagen kann. Die ‘Dorze Bar’ ist eine improvisierte Hütte mit Bambusdach und außerdem der Ort, an dem die Männer des Dorfes sich nachmittags zum Plausch treffen, bei einem Glas von diesem starken lokalen Schnaps, der wie Feuer brennt. Das Gläserklingen kommt näher, der Jubel der Männer wird lauter, und innerhalb von Sekunden kippe ich auch schon einen der kostbaren Drinks hinunter.

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©Anne Steinbach

Die Hitze des Omo Valley hat uns erreicht. Die heiße Luft flimmert über der Straße, und Sisay muss sich enorm konzentrieren, während er die großen Schlaglöcher in der unbefestigten Straße umschifft. Er stoppt und ein bewaffneter Soldat springt ohne Erklärung in unseren Wagen. Wir nähern uns einer weiteren ethnischen Gruppe, dem Volk der Mursi, so isoliert, dass man sie erst nach mehr als vier Stunden höllischer Fahrt von Arba Minch aus erreicht. Rund 10.000 Mursi leben als Nomaden im unteren Omo Valley, ca. 800 Kilometer von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt. Die Mursi sind besonders für eins berühmt: die großen, bunten Scheiben, die die Frauen schon in jungen Jahren in ihre Unterlippe eingesetzt bekommen. Mittlerweile sind sie aber auch als der Stamm bekannt, der am besten weiß, wie man Geld macht, und der sich gern auch mal mit dem lokalen Schnaps betrinkt – daher der bewaffnete Soldat.

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©Anne Steinbach

Wir erreichen das Dorf: eine lose Ansammlung improvisierter Hütten und hochmotivierter Einwohner, die mehr als willig sind, sich von jedem Touristen, der ihr Heim besucht, fotografieren zu lassen. “Foto, hier Foto”, rufen sie und versuchen, unsere Aufmerksamkeit zu wecken. Die Tatsache, dass sie abgesehen von der Scheibe in ihrer Lippe, einem losen Rock und sehr interessantem Schmuck kaum etwas anhaben, lässt sich schlecht ignorieren. Wir beginnen Fotos zu schießen, nur um dann zu erfahren, dass jeder Klick – ja, jeder Klick – 5 Birr, also ca. 20 Eurocent, kostet. Anschließend bahnen wir uns unseren Weg durch das Dorf, bis wir auf die erste Person treffen, die hier tatsächlich ein Hemd trägt, den Dorfhäuptling. Er begrüßt uns mit einem breiten Lächeln. In fließendem Englisch spricht er uns an, erklärt, dass das Geld, das sie als ‘Models’ für Touristen verdienen, “für ihr eigenes kleines Business” verwendet wird. “Reist ihr viel?” fragt er uns und spricht dann direkt weiter, ohne unsere Antwort abzuwarten. Er war schon in sechs Ländern, sein Bruder in 20, um die Kultur der Mursi auf verschiedenen Messen und Veranstaltungen und in Gesprächsrunden bekanntzumachen. Dann winkt uns Sisay von hinten zu: Wir müssen gehen.

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©Anne Steinbach

Während wir wieder Richtung Norden zur Hauptstadt zurückfahren, passieren wir Dörfer, Menschen und Tiere, die faul in der Sonne liegen. Ein magischer Trip, der unglaublich unwirklich und gleichzeitig greifbar echt war, nähert sich seinem Ende. Unsere SD-Karten und unsere Köpfe sind voll mit Eindrücken, die wir erst langsam zu verdauen beginnen, als Addis Abeba näher kommt, als wir den Großstadtdschungel wieder riechen und fühlen und die Hektik der Hauptstadt langsam ihren Höhepunkt erreicht.

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©Anne Steinbach

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