Engadin Swimrun: Hartes Rennen in den Schweizer Alpen

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Engadin Swimrun: Hartes Rennen in den Schweizer Alpen

Ein launiger Kneipenabend im Spätsommer 2002

Vier Freunde aus Schweden sitzen gemeinsam in der Bar des Hotels Utö Värdshus. Das Bier fließt in Strömen, die Gespräche werden lauter und die Ideen kurioser. Sie stecken ihre Köpfe über einer Landkarte zusammen und fragen sich: „Wie kommen wir ohne Boot von der Insel Utö nach Sandhamn?“ Ihre Folgerung ist so simpel wie skurril: Sie veranstalten ein Rennen, bei dem Sie laufend und schwimmend mehrere Inseln passieren müssen, um ans Ziel zu kommen. Am nächsten Morgen starten sie als Zweierteams. Die einzige Regel: Sie müssen in jeder der fünf Bars, die auf der Strecke liegen, einkehren und etwas trinken. Das letzte Team, welches das Restaurant auf Sandhamn erreicht, soll das Hotel, Essen und Getränke bezahlen. Die Freunde benötigen schließlich mehr als 24 Stunden und sind im Ziel zu erschöpft für eine Siegesfeier. Im Jahr darauf versuchen sie es erneut – mit demselben Ergebnis. Swimrun ist geboren.

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©Jakob Edholm

2006 kamen Michael Lemmel und Mats Skott hinzu. Sie machten aus der verrückten Herausforderung ein professionelles Rennen und gelten damit als die Begründer der Swimrun-Bewegung. In den ersten Jahren starteten lediglich elf Teams, von denen nur zwei innerhalb des Zeitlimits das Ziel erreichten. Heute ist ÖTILLÖ (Ö till Ö, schwed.: von Insel zu Insel) international als eines der härtesten Eintagesrennen der Welt anerkannt. In Männer-, Frauen- oder Mixed-Teams werden dabei 65 Kilometer zu Fuß und zehn Kilometer schwimmend in der meist kalten Ostsee zurückgelegt.

Aufgrund des großen Interesses wurde 2014 ein Qualifikationsverfahren für eine Teilnahme am ÖTILLÖ eingeführt. Nach und nach entstanden Qualifikationsrennen in der Schweiz, Großbritannien, Deutschland und Kroatien. 2017 will die ÖTILLÖ Swimrun World Series weiter expandieren und sich auch außerhalb Europas etablieren.

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©Jakob Edholm

Der Swimrun Engadin ist eines dieser Qualifikationsrennen. Der Wettkampf findet jedes Jahr im Engadin-Hochtal im schweizerischen Kanton Graubünden statt und ist schon fast ein Klassiker. Dies ist sicher auch der einzigartigen Umgebung zu verdanken. Die Strecke verläuft auf alpinen Wegen und durch eiskalte Bergseen.

 

Am Startpunkt auf rund 1800 Metern Höhe bemerke ich als „Flachland-Bewohner“ bereits eine leichte Sauerstoffnot. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, als ich mich aus einer Bierlaune heraus mit meinem Mann und zwei Freunden zum ÖTILLÖ Swimrun Engadin angemeldet hatte? Auf uns warten 47 Kilometer Trailrunning, wobei etwa 2000 Höhenmeter zu bewältigen sind. Außerdem sechs Kilometer Schwimmen in etwa zwölf Grad kaltem Wasser. Gestartet wird – wie bei allen ÖTILLÖ-Rennen – in Zweierteams. Die Besonderheit des Swimrun ist der mehrmalige Wechsel zwischen Wasser und Land. Anders als beim Triathlon gibt es hier jedoch keine Wechselzone – es wird im Neoprenanzug gelaufen und mit Schuhen geschwommen. Man bewegt sich als eine Art Amphibienwesen durch die atemberaubende Landschaft und fühlt sich ein wenig wie ein Abenteurer, der neue unbekannte Welten erkundet. Hilfsmittel wie Flossen, PullBuoys oder Paddles sind erlaubt, allerdings muss das komplette Equipment vom Start auch ins Ziel gebracht werden. Man sollte sich vorher also gut überlegen, welche Hilfsmittel so wertvoll sind, dass man sie die ganze Strecke tragen möchte.

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©Nadja Odenhage

Am Tag des Rennens klingelt um 5 Uhr der Wecker. Die Sonne versteckt sich noch hinter den Berggipfeln und es ist kalt und neblig im Tal. Nervös sortiere ich ein letztes Mal mein Equipment, dann pelle ich mich in meinen Neoprenanzug und gehe zum Frühstück. Um 7 Uhr steigen wir in das Bus-Shuttle, dass uns zur Startlinie in Maloja bringt. Mittlerweile hat sich meine Nervosität in Angst gesteigert. Ich gehe zum hundertsten Mal die einzelnen Streckenabschnitte durch und wünsche mir, ich hätte das Training nicht so schleifen lassen.

 

Am Startpunkt warten 179 weitere Teams. Einige analysieren hochkonzentriert den Bergpass, den man bis zum ersten Schwimmabschnitt überqueren muss, andere bemühen sich um letzte Equipment-Optimierung. Pünktlich um 8 Uhr fällt der Startschuss und wir nehmen den ersten Laufteil über den Berggipfel zum Lej da Cavloc in Angriff. Dieser erste knackige Anstieg lässt bereits die Oberschenkel brennen und ich gleite mit Genuss in das zwölf Grad kalte Wasser. Da sich die Teammitglieder im Wasser nicht mehr als zehn Meter voneinander entfernen dürfen, nutzen viele eine elastische Leine, um sich im Gerangel nicht zu verlieren.

 

Der dritte Laufabschnitt führt auf die Alp Ca d’Starnam. Beim Aufstieg sehen wir tief unten im Tal die führenden Teams, die auf die Halbinsel Chastè zuschwimmen. Unglaublich, wie viel Abstand die Jungs und Mädels in dieser kurzen Zeit bereits erarbeiten konnten! Mittlerweile haben wir drei Schwimmabschnitte bewältigt und sind erleichtert, dass uns die Kälte so wenig schmerzt.

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©Nadja Odenhage

Der vierte Laufabschnitt führt über Sils Maria erneut den Berg hinauf und in einer Schleife zurück an den See. Die Abkühlung beim Schwimmen können wir nun gut gebrauchen, denn der nächste Lauf-Part, ein steiler und harter Aufstieg nach La Muotta, fordert unsere Oberschenkel. Meine Beine brennen und ich merke, wie langsam meine Kraft schwindet. Doch für Pausen ist keine Zeit. In Silvaplana wartet die erste Cut-Off-Zeit auf uns. Wer das Zeitlimit nicht schafft, für den ist hier das Rennen vorzeitig beendet. Eine wirklich unangenehme Vorstellung, da wir zu diesem Zeitpunkt bereits 5,45 Stunden unterwegs sind und einen großen Teil des Rennens bewältigt haben. Nach einem kurzen, panischen Sprint schaffen wir das Zeitlimit knapp und werden auf den längsten Schwimmabschnitt des Rennens entlassen. Rund einem Drittel der 180 gestarteten Teams gelingt das nicht. Sie werden hier aus dem Wettkampf gesiebt. Für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich mich freuen soll. Das Rennen zehrt an meinen Kräften und langsam macht mir auch die Kälte der Bergseen zu schaffen. Aber aufgeben, ist keine Option und so springen wir in das kalte Wasser. Nach knapp 24 Minuten erreichten wir das andere Ufer, wo ein Verpflegungsstand mit warmer Brühe auf uns wartet. Noch nie hat mir Suppe so gut geschmeckt!

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©Nadja Odenhage

Es folgt ein flacher Lauf nach St. Moritz, wo uns mit 1250 Meter ein nicht enden wollender Schwimmteil erwartet. Nun, endgültig durchgefroren, geht es weiter in Richtung Lej Staz, auf den ich mich fast schon freue, da er mit 19 Grad als wärmster See angekündigt wurde. Am See angekommen, löst sich die Vorfreude mit Blick auf die unappetitliche, braune Suppe jedoch in Luft auf. Widerwillig rudern wir durch das Wasser und versuchen möglichst wenig davon zu schlucken. Am Ausstieg erwartet uns ein weiterer Verpflegungspunkt, an dem gut gelaunte und äußerst engagierte Anwohner aufgeschnittene Schweizer Salami anbieten. Wir machen kurz Pause und schlagen uns bei einem netten Plausch den Bauch voll. Danach folgt der Rückweg über hügeliges Gelände in Richtung St. Moritz, wo sich der zweite und letzte Cut-Off befindet. Als wir die Zeitmessung mit einem passablen Polster von 20 Minuten passieren, können wir unser Glück kaum fassen. Wir werden das Ziel erreichen, selbst wenn wir auf allen Vieren kriechen. Das konnte uns keiner mehr nehmen.

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©Nadja Odenhage

Den Weg zum Ziel nach Silvaplana gehen wir gemächlich an. Wir haben nun keinen Zeitdruck mehr. Die Zielzeit ist nebensächlich, wir wollen das Rennen einfach nur beenden. Auf einer einsamen Bank im Wald machen wir eine kurze Pause und fachsimpeln mit einem italienisches Team über das Rennen und wie anstrengend der Tag war. Nach dem kurzen Austausch geht es weiter in Richtung Ziel. Der letzte Schwimmabschnitt ist mit 400 Metern zwar kurz, aber ich muss mich dennoch überwinden in den kalten See zu springen. Am Ufer schleppen wir uns aus dem Wasser. Ich bin müde, kraftlos und meine Akkus sind komplett leer. Die letzten 2,7 Kilometer bis Silvaplana sind dann aber doch Genuss pur. Voller Stolz und überglücklich überqueren wir nach 9 Stunden und 32 Minuten die Ziellinie, wo wir von Veranstalter Mats Skott herzlich empfangen werden.

 

Der Swimrun Engadin ist auf jeden Fall einer der härtesten und gleichzeitig schönsten Wettkämpfe, an dem ich je teilgenommen habe. Ein mit viel Herzblut und engagierten Helfern veranstaltetes Rennen in einer wunderschönen Schweizer Berglandschaft. Die Strecke sowie die Wassertemperaturen dürfen definitiv nicht unterschätzt werden. Erfahrungen auf der Langstrecke sind hier auf jeden Fall von Vorteil, aber am Ende wird das Rennen im Kopf entschieden.

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©Nadja Odenhage

Wer sich die lange Strecke nicht zutraut, aber dennoch einen Drang nach Abenteuer verspürt, kann auch auf der verkürzten Strecke beim Sprint starten.

 

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