Nicaragua – ¡Pura Vida!

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Vulkanlandschaften, Lateinamerikas größten See, menschenleere Strände – Nicaragua hat, gelegen zwischen zwei Ozeanen, viel zu bieten. Zwar lebe ich schon einige Monate in dem „Land der tausend Vulkane“, dennoch habe ich noch längst nicht alles gesehen, was sehenswert ist. Das will ich ändern und mache mich deshalb wann immer ich kann mit meinem Rucksack und einigen guten Freunden auf den Weg. Diesmal beginnt unsere Reise in San Carlos, der Hauptstadt des kleinsten Verwaltungsbezirkes Nicaraguas.

 

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Wir haben Weihnachten bei Freunden verbracht und wollen uns, über die ehemaligen Piratenkolonien Bluefields und Rama, zu den beiden kleinen karibischen Inseln aufmachen, die vor Nicaraguas Atlantikküste liegen. Auf Nica-Art kann man mit den lokalen Transportmöglichkeiten sehr günstig reisen – wir hoffen mit unserem Budget von hundert Euro zehn Tage lang auszukommen. Mit ein wenig mehr Geld und Zeit lohnt es sich per Boot einen Umweg über Ometepe zu machen, jener „Insel mit zwei Bergen“ im Largo de Nicaragua, über die schon Michael Ende schrieb. San Carlos dagegen wird von Reiseführern höchstens als Ausgangspunkt für Ausflüge in andere Gebiete des Landes genannt. Gleichzeitig wird geraten möglichst keine Nacht in dem „kleinen Dorf ohne Charme“ zu verbringen. Und es stimmt – touristisch hat San Carlos nicht viel zu bieten. Es hat, bis auf ein gut erhaltenes Fort der Spanier, kaum Sehenswürdigkeiten, keine Backpackerhotels, ja, nicht einmal einen Supermarkt. Trotzdem lohnt es sich der Stadt eine Chance zu geben. Denn wenn es San Carlos an einem wirklich nicht mangelt, dann ist das Charme und Herz.

 

Malecon

 

In einem der kleinen Restaurants direkt am Malecon, der herausgeputzten Hafenpromenade, trinken wir frische Fruchtsäfte und Bananenmilch. Die Stadt liegt direkt am Rio San Juan, der eine natürliche Landesgrenze bildet, sodass wir die Sonne hinter den Bergen Costa Ricas untergehen sehen können. Mit dem Einbruch der Dunkelheit zieht verführerisch der Duft nach gebratenem Fleisch und Gewürzen durch die Straßen.Hungrig geworden erfragen wir uns den Weg zur angeblich besten Fritanga der ganzen Region. Das Wort Fritanga beschreibt sowohl die kleinen Straßencomedores, die passend zur Dämmerung öffnen, als auch das dort angebotene Essen. Auf einem großen Steingrill wird Rind, Schwein und Huhn angebraten, in riesigen Bottichen voller kochend heißem Fett werden in Streifen geschnittene Kochbananen frittiert. „Mit Chili?“ fragt mich Marie Sol, die Besitzerin San Carlos beliebtester Fritanga, während sie großzügig Fleisch, Bananen und eingelegten Weißkohlsalat in eine kleine Plastiktüte schaufelt. „Mit, bitte.“ sage ich schnell und sehe zu, wie sie das selbstgemachte süß-scharfe Chili über mein Essen träufelt. Fünfzig Cordoba zahle ich für mein Hühnchen und es ist jeden Centimo wert. Als offizielle Währung gelten in Nicaragua sowohl Cordoba als auch amerikanische Dollar, wobei sechsundzwanzig Cordoba ungefähr einem Dollar entsprechen.

Ich esse mit den Fingern aus der Plastiktüte, während ich mich mit Marie Sol unterhalte. Marie Sol ist eine Erscheinung. Mit ihren starken Armen, die den Umfang meiner Oberschenkel haben und dem schnellen Mundwerk wuchtet sie problemlos die schweren Fettkessel und hält gleichzeitig ihre wartende Kundschaft in Schach. Sie war lange Profesora an einer der höheren Schulen in der Stadt, erzählt sie mir. Mittlerweile kümmert sie sich tagsüber um die Kinder arbeitender Mütter. Es kommt hier oft vor, sagt sie, dass Männer die Verantwortung einer Familie nicht übernehmen wollen. „Alles Machos.“ Marie Sol schüttelt den Kopf und serviert einer Männerrunde eine Platte Reis. „Lust auf ein Bier?“ fragt mich der Mutigste von ihnen. „Lust auf mich?“ setzt sein Kumpel nach, was ihm das anerkennende Lachen seiner Freunde einbringt, sowie eine kräftige Kopfnuss der Señora. Es besteht kein Zweifel, Marie Sol hat ihre Machos im Griff.

 

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Wir kommen bei Bekannten unter und sitzen am nächsten Morgen überpünktlich in dem alten, gelben Schulbus, der uns nach Rama bringen soll. Busfahren in Nicaragua ist ein Erlebnis. Wer schon einmal Nachts an einem ausbrechenden Vulkan vorbei gefahren ist, oder sich seinen Platz mit einem Netz lebendiger Hühner teilen musste, wird mir da Recht geben. Wir haben noch genügend Zeit zuzusehen, wie Koffer, Reissäcke und Bananenstauden auf dem Dach des Busses festgeschnürt werden. Die Sitze sind nummeriert, einen festen Platz hat nur, wer für hundertfünfzig Cordoba direkt in San Carlos die Fahrkarte kauft. Alle später einsteigenden Fahrgäste müssen stehen – die vollen sieben Stunden. Der Bus füllt sich schnell und der Mann neben mir räumt seinen Platz für eine junge Frau, die mit ihren Kindern reist. Den älteren Jungen nimmt sie auf den Schoß, das kaum drei Monate alte Baby setzt sie mir resolut auf die Knie. Wir unterhalten uns eine Zeit lang. Rosita heißt meine Sitznachbarin, das Baby auf meinem Schoß ist ihr drittes Kind. „Vermisst du deine Kinder denn nicht?“ fragt sie, während sie mir zusieht wie ich den Säugling auf meinen Knien schaukele. Auf meine Erklärung hin, dass ich weder verheiratet bin, noch Kinder habe, zieht sie irritiert die Augenbrauen hoch. Immerhin bin ich, im Gegensatz zu ihr, schon über zwanzig Jahre alt.

Gegen Mittag wird es drückend heiß im Bus und ich bin erleichtert, als wir an einem kleinen Rastplatz eine Pause einlegen. Hier können wir kurz die Toilette benutzen – und finden ein Plumpsklo vor. Ich bin froh ein wenig Toilettenpapier und ein Fläschchen Desinfektionsmittel dabei zu haben. Unerlässlich ist auch eine Dose Mückenspray, wenn man nicht als Mahlzeit für die Mosquitos herhalten möchte. Mittlerweile haben Händler den Bus gestürmt und preisen lautstark ihre Waren an. Für wenige Cordoba kaufe ich in Streifen geschnittene grüne Mango mit Salz und Quesadillas, die ich mit Rosita und ihren Kindern teile.

 

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Die nächsten Stunden ziehen sich unangenehm in die Länge. Ich schwitze, meine Beine kleben an den Plastiksitzen und das Baby auf meinem Schoß quengelt unzufrieden vor sich hin. Als wir endlich in Rama einfahren, beginnt es gerade zu regnen. Die dicken Tropfen verwandeln die lehmigen Straßen schnell in matschige Pfützen, sodass wir uns beeilen unsere Mitfahrer nach einer günstigen Unterkunft zu fragen. Wir werden an das Hospedaje Doña Luiza direkt am Ablegeplatz nach Bluefields verwiesen. Die Zimmer sind mit einem Preis von sechzig Cordoba unschlagbar günstig und da ich mir das Bett mit zwei Freundinnen teile, bezahlen wir weniger als einen Dollar für die Nacht. Die Rezeption des Hotels verkauft uns außerdem für zweihundert Cordoba schon die Tickets für die Überfahrt am nächsten Tag. Unser Zimmer weist zwar keinen überflüssigen Luxus auf, dafür aber auch nur zwei Kakerlaken. Im allgemeinen ist es also sauberer, als der Preis es vermuten lassen würde.

 

Ablegeplatz Bluefields

 

Später essen wir in einem kleinen Comedor ein ordentliches Gallo Pinto, eines der Nationalgerichte Nicaraguas. Bestehend aus Reis und gekochten schwarzen Bohnen bildet es die Grundlage fast einer jeden Mahlzeit. Wir sind überrascht als noch ein wenig pikant gewürzte Kokosmilch dazu gegossen wird, die dem Reis eine karibische Note verleiht. Nach einigen Runden Toña, Nicaraguas beliebtestem Bier, sitzen wir zusammen mit Juan, dem Betreiber des Comedores, um dessen wackeligen Plastiktisch und spielen Desmoche, ein beliebtes Kartenspiel. Später als wir wollten nehmen wir schließlich für zehn Cordoba ein Taxi zurück zum Hotel, da uns Juan überzeugend davon abgeraten hat spät Abends noch durch die Stadt zu laufen.

 

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Von Rama aus geht es am Morgen in aller Herrgottsfrühe weiter. Mit kleinen Augen und leeren Mägen klettern wir gegen sechs Uhr in die abenteuerlichen Schnellboote, die uns an die Atlantikküste nach Bluefields bringen sollen.Während der anderthalbstündigen Fahrt fängt es wieder an zu regnen, sodass wir vollkommen nass und verfroren sind, als wir endlich ankommen. Nach einem mehr oder weniger ausgewogenen Frühstück, bestehend aus fettigem Hühnchen, Bananenchips und Coca-Cola, gehen wir auf Erkundungstour. Die ehemalige Piratenstadt unterscheidet sich sehr von dem Nicaragua, das wir bis dahin kennengelernt haben. Statt Merengue und Bachata dröhnt Reggaeton aus den Geschäften und es wird überwiegend kreolisches Englisch gesprochen. Als mustergültige Touristen besuchen wir natürlich das Museo Histórico Cultural, das sowohl native, als auch christlich geprägte Künstler ausstellt. Eintritt kostet es keinen, aber wir geben an dem grün bemalten Kasten an der Türe eine kleine Spende ab.

 

Schifffriedhof vor Bluefields 02

 

Abends fahren wir mit dem Taxi zu Lunas Ranch, einem etwas abseits gelegenen Restaurant, das fabelhafte Meeresfrüchte anbietet. Während wir auf unser Essen warten, betrachten wir die ausgestellte Sammlung alter Zeichnungen und Fotografien die Bluefields im Wandel der Zeit abbilden. Es herrscht eine sehr gelöste Atmosphäre, die Kellner lachen und scherzen mit uns. Die Rechnung von elf Dollar bezahle ich gern für meinen Hummer. Wir schlafen, für zwanzig Dollar das Zimmer, im Hotel Anabas, einer der besseren Unterkünfte in Bluefields. Lange genießen können wir die weichen Betten aber nicht, denn um fünf Uhr in der Früh geht es weiter.

Unser Ziel, die Corn Islands, liegen etwa siebzig Kilometer vor der Festlandküste und können entweder zwei Mal pro Woche per Boot oder mit dem Flugzeug erreicht werden. Aus Kostengründen entscheiden wir uns für die Fahrt übers Meer – ohne eine Ahnung zu haben worauf wir uns da einlassen. An Deck werden zuerst unsere Rucksäcke kontrolliert, außerdem müssen wir unsere Pässe vorzeigen, bevor wir für hundertachtzig Cordoba die Fahrkarten für die etwa sechsstündige Fahrt erwerben dürfen. Je weiter wir aufs Meer hinaus fahren, desto stärker werden die Wellen und es dauert nicht lange bis die Hälfte der Passagiere seekrank ist. Auch meine Freunde hat es erwischt und so erkunde ich allein das Unterdeck. Hier ist das Gepäck untergebracht, es stapeln sich Kisten und Benzinkanister, in der Ecke hat jemand ein Schwein angebunden. Hinter einigen Koffern höre ich Gelächter und Gitarrengeklimper.

„Hey Chela.“ Auf einem zusammengerollten Tau sitzen zwei Männer mit langen Rasterlocken und trinken klischeehaft Flor de Caña, Nicaraguas besten Rum, direkt aus der Flasche. „Willst du was trinken, Chela?“ Ja, ich will. Chela bedeutet grob übersetzt „die Hellhäutige“ und ist im Gegensatz zu der Bezeichnung „Gringo“, die auf helle Nordamerikaner bezogen ist, nicht abwertend gemeint. Jemanden mit seinen körperlichen Merkmalen anzusprechen ist in Nicaragua vollkommen normal. Ich beispielsweise habe den kleinen Sohn einer Freundin gute vier Monate lang ausschließlich “Gordito” genannt, bis mir auffiel dass das kleine „Dickerchen“ in Wirklichkeit Manuell heißt.

Als wir schließlich die „Islas de Maíz“ erreichen bin ich ein wenig angeheitert und das Bild das sich mir bietet überwältigt mich vollkommen. Mit Palmen gesäumte weiße Strände, türkisblaues Meer, von Sand und Wasser geschliffene Felsen. Für mich ist klar: Mein persönliches Paradies trägt den Namen „Corn Island“. Für fünfzehn Cordoba lassen wir uns auf die Südseite der größeren Insel fahren, wo wir uns nach einem Hostel umsehen wollen. Unser Taxifahrer ist bemerkenswert gut drauf. „Wenn ihr irgendwas braucht, ruft mich einfach an“ sagt er mit einem Augenzwinkern und uns fällt plötzlich auf, wonach es im Taxi so charakteristisch duftet.

 

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Wir nehmen uns die einzigen zwei Zimmer in einem winzigen Hostel am Long Beach und zahlen pro Person drei Dollar die Nacht. Was macht es da schon, dass wir keine Dusche sondern nur eine Regentonne haben? Die folgenden Tage verbringen wir mit Schwimmen, gutem Essen und kleinen Radtouren. Fahrräder werden für fünfzig Cordoba am Tag an der Küste entlang verliehen. Wer sich für Meeresfrüchte begeistert, wird die Insel lieben. Für kleines Geld gibt es beinahe in jedem Comedor oder Restaurant Camarones, Spaghetti de la Mar oder Lomo a la plancha.

 

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Am Silvestermorgen setzen wir auf Little Corn Island über. Trotz ihrer relativen Beliebtheit bei Rucksacktouristen ist die nur 3,12km² große Insel noch immer ein Geheimtipp, sodass man an den langen Sandstränden fast alleine ist. Es gibt keine Autos, alles ist problemlos zu Fuß zu erreichen. Wir schlendern an kleinen, bunten Häusern vorbei, in deren winzigen Vorgärten der Hibiskus blüht. Allgegenwärtig: Reggaemusik. Eine Gitarre und ein Repertoire von einigen Peter Tosh Songs scheinen hier zur Grundausstattung zu gehören. Für je zwanzig Dollar mieten wir uns zwei einfache Bungalows am Cocal Beach, bevor wir zum Schnorcheln aufs offene Wasser hinausfahren. Leider sind die meisten Korallen grau und abgestorben, trotzdem gibt es rund um die Insel einige schöne Spots für Schnorchler und Taucher. Der hohe Wellengang kann für nicht allzu gute Schwimmer, wie mich, jedoch schnell anstrengend werden, weshalb man sich unbedingt von einem seriösen Guide begleiten lassen sollte. Am Besten fragt man in den kleinen Cafés und Bars an der Westseite der Insel. Hier gibt es auch zwei angesehene Tauchschulen.

 

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Den Jahreswechsel feiern wir im Tranquilo, einer sehr beliebten kleinen Bar, die Mojitos für sagenhafte vierzig Cordoba anbietet. Eine Backpackerband spielt die ganze Nacht, wir singen und tanzen zusammen mit Menschen aus aller Welt. Am Strand lassen einige Jungs selbstgebastelte Feuerwerkskörper hochgehen. Silvester unter Palmen – ja, das ist genauso cool wie es sich anhört. Als wir um halb fünf am nächsten Morgen mit dem letzten Cocktail in der Hand über dem Meer die Sonne aufgehen sehen, ist der Moment perfekt. Zwar sind wir fast am Ende unseres Budgets angelangt, aber das macht nichts. Für die Heimreise wird es noch reichen. Und mal ehrlich – diesen Anblick kann man auch mit allem Geld der Welt nicht kaufen.

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