Street Comics | Brüssel ist die Hauptstadt des frankobelgischen Comics

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9. Kunst entdecken

Zuerst verständigen wir uns darauf, Brüssels Art-Nouveau-Architektur en détail zu erkunden, aber nach unserer Ankunft wollen wir die Stadt nur auf den Spuren der 9. Kunst entdecken, denn Brüssel ist die Hauptstadt des frankobelgischen Comics (der bandes dessinées auf französisch). Der kulturellen Bedeutung von Bilderzählungen begegnet man hier auf Schritt und Tritt: in vielen Comicläden, die in Hauptgeschäftsstraßen florieren, in Museen wie dem Belgian Comic Strip Center, das 1989 in einem von Victor Horta entworfenen Gebäude eröffnete, als Skulpturen auf der Straße oder als Wandmalereien an Gebäudefassaden.

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Jörn Ebner

Folgt man dem Rundgang mit allen Comicfassaden, eröffnet sich auf vergleichsweise kleinem Raum das ganze soziale Spektrum der Stadt. Binnen weniger Meter finden wir Lucky Luke und Asterix im Migrantenviertel, unweit eines über Designergeschäfte wachenden Engels aus Yslaires distopischer Serie From Cloud 99. Im Gemälde des klassischen Blake & Mortimer-Titelbilds The Yellow M (von Edgar P. Jacobs aus der Schule der Ligne Claire) blicken die zwei Helden einer Gefahr über den Dächern eines ruhigen Wohnviertels entgegen, im Brüsseler Hafen am Quai des Péniches träumt der Seemann Corto Maltese des italienischen Zeichners Hugo Pratt auf einer gemalten Düne.

Den schelmischen Redaktionstrottel Gaston Lagaffe treffen wir an einer Tiefgarage in der Rue de l’Ecuyer und den ewig jungen Reporter Tintin auf gemalten Feuerleitern an der Rue de l’Etuve, nahe des Manneken pis-Brunnens. Der Großteil der Wandgemälde findet sich im Zentrum der Stadt, einige etwas abseits, aber um sie zu finden, hilft das Tourismusbüro mit einen kleinen Führer.

Das erste Wandbild entstand 1991. Frank Pé brachte im Brüsseler Schwulenviertel seine Figur Broussaille und dessen androgyne Freundin auf eine Fassade am Plattesteen. 1999 wurde das Bild erneuert. Bislang entstanden 49 Gemälde, zunächst nach belgischen Comicstrips, aber mit Mister Jean von Dupuy and Berberian zogen seit 2002 auch internationale Comicfiguren in den Brüsseler Stadtraum ein. Ebenfalls spät kamen die großen Stars des frankobelgischen Comics wie Spirou und Tintin hinzu; ein großer weißer Smurf ist aus Renovierungsgründen vorläufig entfernt worden.

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Jörn Ebner

Spirou, der Page und spätere Reporter in roter Pagenuniform, wurde 1938 für die bis heute wöchentlich erscheinende Zeitschrift Le Journal de Spirou erfunden. Unter Zeichner André Franquin, der die Serie 1946 übernommen hatte, entstand um Spirou und dessen Freund Fantasio ein ganzes Universum von erzählerischem Witz mit Hauptrollen für Erfinder Count de Champignac und Bösewicht Zorglub.

Insbesondere aber das Fabeltier Marsupilami – als Wandgemälde an der Avenue Houba de Strooper – und der Bote Gaston Lagaffe – den man auch noch als Skulptur antrifft – wurden so populär, dass Franquin schließlich eigene Serien für sie entwickelte. Die nahmen ihn bald so in Anspruch, dass er Spirou Ende der 1960er Jahre aufgeben musste – andere Zeichner übernehmen seither die Aufgabe, die Serie und den als Marcinelle School bekannten Zeichenstil fortzuführen.

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Jörn Ebner

Aber der unbestritten größte Belgier ist Tintin, dessen Konterfei mit Hund Snowy das Dach des Comicverlaggebäudes Le Lombard am Gare de Midi ziert. Es leuchtet nachts. An den Bahnhöfen Gare du Midi und Gare du Luxembourg ehren Fresken seinen Zeichner Georges Remi (1907 – 1983), aka Hergé, dessen Zeichenstil, die Ligne claire, die Geschichte des Comics maßgeblich beeinflusste. Tintin erschien ab 1929 zunächst als Beilage in der katholischen Zeitschrift Le Vintième Siècle, seit 1946 dann, ebenso wie Spirou, in einem gleichnamigen Magazin. Überhaupt fand der frankobelgische Comic immer schon Verbreitung durch spezielle Zeitschriften, von denen aber nur die Zeitschrift Spirou bis heute überlebt hat.

In den Tintin and Spirou-Geschichten stehen die Figuren im Vordergrund. Spätestens ab den 1970er Jahren entwickelte sich der Comic weiter zur der heutigen Graphic Novel, die Autoren stehen nun zunehmend im Vordergrund. In Brüssel wird 1978 die Monatszeitschrift À Suivre gegründet, die bis 1997 neben dem lokalen Zeichner François Schuiten auch internationale Autoren wie den Chilenen Alejandro Jodorowsky, den Franzosen Jacques Tardi oder den Italiener Hugo Pratt veröffentlichte. Von Schuiten, der zusammen mit Benoît Peeters aufwändige Bände um architektonische Mysterien kreiert, stammt eine fast unmerkliche „Passage“ zu seiner Parallelwelt Brüsel in der Rue Marché au Charbon. So erschließt sich über den Comic-Rundgang nicht nur das greifbare Brüssel, sondern auch ein imaginäres.

Alle Wege führen bekanntlich nach Brüssel. Und dort direkt ins MEININGER Hote Brüssel City Center

Übrigens:

François Schuiten illustrierte auch einen französischsprachigen Lonely Planet-Stadtführer über seine Heimatstadt.

Christine Coste, François Schuiten: Bruxelles: Itinéraires. Publishers: Casterman / Lonely planet. Price: € 16,00

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