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Antwerpen ist groß in Mode

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Die flämische Fashionszene boomt. Ihre Kreationen sind raffiniert, zeitlos, bescheiden. Fashiontrends? Who cares! In der Stadt an der Schelde ist erlaubt, was gefällt.

Der flämische Modepuls schlägt erstaunlich leise. Polierte Slipper, Sneakers und flache Stiefelletten schreiten in einer lautlosen Parade an den bodentiefen Schaufenstern vorbei. Das typische Klackern hoher Absätze bleibt aus. Im Antwerpener Modeviertel rund um die Nationalestraat ist Understatement angesagt. Minimalismus. Auch hinter den Glasscheiben. Ein Eye-Catcher muss reichen. Nur vor einem Schaufenster stockt die Parade, Frauen bleiben stehen, tuscheln. In dem Schaufenster des belgischen Modedesigners Dries van Noten stapeln sich goldfarbene Holzstühle zu kippeligen Türmen. Davor steht eine Schaufensterpuppe, kerzengrade, ihr steifer Körper steckt in einem weißen Bleistiftrock, auf dem ein Greifvogel Jagd auf Wörter macht, dazu eine Jacke im zarten Rosa und weißgoldene Pumps.

„Es ist eins meiner Lieblingsgeschäfte“, sagt Kaat Debo, „allein die Aufmachung der Schaufenster! Ich freue mich jedes Mal auf die Umgestaltung.“ Der Weg zur Arbeit führt Kaat täglich am Het Modepaleis, dem Modepalast, wie der Designer seinen Flagship-Store bescheiden genannt hat, vorbei. Sie ist die Leiterin des Modemuseums, das auf der gegenüberliegenden Seite in einem wuchtigen, grauen Altbau seine Heimat hat. Zusammen mit dem Flanders Fashion Institute und der Modeakademie bildet es die Modenatie, den Dreh- und Angelpunkt belgischer Mode.

Die Akademie gehört zu den anspruchsvollsten Talentschmieden der Welt, ein Sprungbrett zu Chanel, Dior, Armani. Für Mainstream-Klamotten interessiert sich hier niemand. Die Dozenten wollen überrascht werden, den Charakter des Schülers im Entwurf wiedererkennen. Eine exklusive Auslese der kreativsten Köpfe. „Die Akademie ist ein avantgardistischer Kokon“, sagt Kaat, in dem ein jeder Student seine unnachahmliche stilistische Handschrift entwickle. Etliche Absolventen haben es zu Weltruhm gebracht, die progressiven Roben der flämischen Fashiondesigner sind längst auf den großen Laufstegen der Welt angekommen. Sie bringen Antwerpen Ruhm und Ehre und locken Fashionbegeisterte, Kreative und Nachwuchsdesigner in die Stadt an der Schelde.

 

© www.milo-profi.com

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Und Antwerpen gibt sich als charmante Gastgeberin. Antwerpen zelebriert den Reiz des Unfertigen. Ein Labyrinth aus Kopfsteinpflastern, Hinterhöfen und umfunktionierten Lagerhäusern, in denen Restaurants, Galerien und Clubs eröffnet haben. Eine halbe Million Menschen aus mehr als 160 Nationen wohnen in der flämischen Hafenstadt. Sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die grauen Wolken brechen, flanieren Bewohner und Touristen über die großzügigen Plätze, sitzen auf Bänken, essen klebrig süße Waffeln, dicke Pommes oder Pralinen, an ihren Füßen reihen sich die Papiertüten der Boutiquen und Andenkenläden, der Antiquariate und Juweliere. Denn Antwerpen ist reich, steinreich, rund sechzig Prozent aller Rohdiamanten werden hier gehandelt. Barock- und Jugendstilbauten durchziehen die Straßenzüge, Rubens Werke sind allgegenwärtig – ebenso wie die Mode.

Eine belgische Designerin, die sich bewusst für den Standort Antwerpen entschieden hat, ist Sofie Claes. Ihre Klamotten sind cool und edgy, dunkle, fließende Stoffe. „Es gibt keinen Antwerpener Stil“, findet die 29-jährige Designerin, Diversität sei das Markenzeichen. Ihre Stoffe kauft Sofie zumeist in Italien, die Kollektionen selbst lässt sie in Belgien fertigen. Exklusive Mode, die ihren Preis hat. An einer schwarzen Lederjacke baumelt ein Preisschild: 1399 Euro. Obwohl sie selbstständig arbeitet, ist sie keine Einzelkämpferin. „Wir jungen Designer sind gut vernetzt, tauschen uns aus.“ Unterstützung bekommen sie vom Flanders Fashion Institute, das Aufträge vermittelt, Workshops organisiert und die jungen Designer zu den Modenschauen nach New York und Paris schickt.

 

© Antwerpen Toerisme en Congres

© Antwerpen Toerisme en Congres

 

Neben dem Neuen ist in der Modestadt auch altes Handwerk gefragt, wie in der Ganterie Boon, nur wenige Gehminuten von Sofies Shop entfernt in der Lombardenvest. Das holzvertäfelte Innere des 1884 eröffneten Geschäfts umrahmt die Kunden mit historischen Flair, die Kasse ist eine Antiquität, in den Holzregalen stapeln sich abgewetzte, handbeschriftete Kartons in denen hunderte Handschuhe aufbewahrt werden. Einfarbige schlichte Modelle, die gelochte Variante fürs Cabriolet-Fahren, kapriziöse Handschuhe in Schlangenleder-Optik. Die Manufaktur ist über die Grenzen Belgien hinaus für seine Handschuhe aus Peccaryleder bekannt, eine begehrte Rarität, die in stundenlanger Handarbeit mit bis zu 2000 Stichen genäht wird. Kostenfaktor: 100 Euro aufwärts.

Shoppen kann teuer sein in Antwerpen – muss es aber nicht. In der charmanten Kleinstadt, die das internationale Flair einer Weltstadt versprüht, gibt es für jeden Geldbeutel die passende Einkaufstüte. Im Frühjahr und Herbst locken exklusive Modeschnäppchen bei den Stock Sales. Hochkarätige Designer wie Dries Van Noten, Stephan Schneider und Christoph Broich verkaufen dann ihre Überproduktionen mit Rabatten bis zu 90 Prozent. Rund um die Nationalestraat und den Groenplaats finden sich neben den Designerläden, auch Streetfashion und Secondhand Geschäfte, wie der Vintage Store Sussies. An den zahllosen Kleiderstangen hängen Kleider aus den 30er bis hin zu den 80er Jahren. Im hippen Concept Store in der Kloosterstraat geht es dagegen wilder, bunter, lauter zu. Im YOUR reicht das Angebot von Kaugummis über Kosmetikprodukte bis hin zu Uhren, Taschen, Gürteln und natürlich – hippen Klamotten. Selbst in Antiquitätenläden, wie dem Tante Brocante in der Kloosterstraat, kann Antwerpen die Nähe zur Modewelt nicht verleugnen: Neben Milchkannen und Hirschgeweihen stehen ein Dutzend französischer Schneiderpuppen wie Zinnsoldaten aufgereiht. Sie alle ziert der Stempel „Couture – Faubourg St. Honoré“ – Originale von der weltweit wichtigsten Einkaufsstraße in Paris.

 

© Peter Schoemans

 

Und während in vielen internationalen Großstädten derzeit Kreischfarben und Tierprints auf High Heels über die Bürgersteige stöckeln, bleibt die Fashioncity angenehm unaufgeregt. Röhrenhosen, flache Slipper, oversized Pullis. Schwarz ist das neue Neon. Selbst auf der Haupteinkaufsstraße, der Meir, auf der sich die großen Modeketten aneinanderreihen, flanieren die Menschen eher schlicht gekleidet über die grauen Gehwegplatten. Bling-bling? Fehlanzeige. Dafür trägt die Madonna in der Andreaskirche Haute Couture. Die flämische Modedesignerin Ann Demeulemeester schmückte sie mit einem hellen, mit Paletten bestickten Gewand – samt schwarzer Fransen und buschigen Federkragen. Antwerpen halt! Erlaubt ist, was anders ist.

 

Tipp: Eine gute Shoppinghilfe durch die Modestadt ist die Fashion in Antwerp App, in der Modeikonen wie Diane Von Furstenberg, Dirk Van Saene und Inge Grognard Insidertipps geben.

Mehr Infos: www.fashioninantwerp.be/de

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