Wilde Mischung: Frankfurts Bahnhofsviertel

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Von der Schmuddelecke zum Hotspot mit coolen Restaurants und Bars: Frankfurts Bahnhofsviertel hat sich neu erfunden. Kein anderer Stadtteil ist so bunt, spannend und widersprüchlich.

Frankfurt polarisiert. Man liebt es – oder man hadert mit ihm: Seinem Spagat zwischen hochgewachsenen Bürotürmen und geduckten Fachwerkhäuschen, ausgeprägter Kunstszene und angesprühten Hauswänden, Finanzhochburg und Fixerstuben. Im Bahnhofsviertel wohnen die Widersprüche Tür an Tür. Keine andere Gegend gibt den verschiedenen Facetten Frankfurts so viel Raum auf so wenig Fläche. Nicht mal einen Quadratkilometer umfasst das trapezförmige Gebiet zwischen Hauptbahnhof und Taunusanlagen, zwischen Mainzer Landstraße und dem Mainufer. Knapp 4.000 Menschen wohnen dort, kaum mehr als in einem Dorf. Und doch ist in dem zweitkleinsten Stadtteil fast die ganze Welt zuhause, wohl kein anderer Ort in Deutschland weniger provinziell.

©FLICKR/Hans Drexler

Im Bahnhofsviertel mischen sich Hautfarben, Biografien und Esskulturen. „Weit über hundert Nationalitäten treffen hier aufeinander“, sagt James Ardinast, der mit seinem Bruder David inzwischen vier gastronomische Konzepte rund um den Bahnhof aufgezogen hat. Als die Geschwister 2006 ihre IMA Kitchen, eine der ersten Better- Burger-Bratereien des Landes, in die Ottostraße pflanzten, wehte hier noch ein anderer Wind. Nicht nur kleine Spezialgeschäfte, Kioske und Exotisches aus aller Herren Länder prägten Klischee und Wirklichkeit, sondern vor allem Drogen, käuflicher Sex und Glücksspiel.

Dabei hatte alles einmal so mondän begonnen. Anfang des 20. Jahrhunderts, als der 1888 eröffnete Verkehrsknotenpunkt noch Centralbahnhof hieß, residierten in dem entstehenden Straßengeflecht Wohlstand und Fortschritt. Noble Boulevards, elegante Villen, luxuriöse Läden. Der Abstieg begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus dem gehobenen Wohnviertel wurde eine Amüsiermeile, die die stationierten US-Soldaten magisch anzog. Nach deren Abzug rückten die Dealer, Junkies und Alkohlsüchtigen nach. Dafür, dass die Gegend nicht in Tristesse und Elend versank, sorgten nicht zuletzt ihre Buntheit und Aufgeschlossenheit. Lebenskünstler und Kunststudenten, Hinterhofmoscheen und verrauchte Kneipen, Urfrankfurter und Menschen aus der Fremde – für alle und alles gab es Platz.

©Steve Herud

Seit Mitte der Nullerjahre fördert die Stadt den Wohnraum im Bahnhofsviertel, Prostitution und Drogenkonsum wird nur noch auf einem überschaubaren Terrain rund um die nördliche Taunusstraße geduldet. „Seitdem hat sich viel verändert“, sagt Ardinast. Das ist auch ein Verdienst der Gastronomie. Die Konzeptväter der neuen Bars und Restaurants haben geholfen, die wilde Gegend zu zähmen, ihre Entwicklung mitzugestalten. „Wenn so viele krasse Kontraste aufeinandertreffen, entsteht unglaublich viel Energie. Und mit ihr Ideen, die man anderswo gar nicht verwirklichen könnte. Oder die in anderen Stadtteilen weit weniger reibungsintensiv wären.“

©Steve Herud

Vor allem die Münchener Straße und die querverlaufende Kaiserstraße haben sich in spannende Gastro-Meilen verwandelt. Manche Restaurants, Imbisse und Bars trennen nur wenige Hausnummern – und doch ganze Kontinente. Ihre Wurzeln liegen in Indien, New York, Korea, Afrika, China, Istanbul. Eine der bekanntesten und beliebtesten Adressen ist das Plank Ecke Elbestraße und Münchener Straße. Tagsüber Café mit richtig gutem Kaffee und selbstgemachtem Kuchen, abends Bar mit richtig guten Drinks. Atanasios Christos Macias, auch als DJ Ata bekannt, und Sonja Schmid haben es nach dem legendären Toningenieur Conny Plank benannt. Wände und Boden tragen Grau und auch der Rest der schlauchartigen Location ist minimalistisch gehalten. Um einen Platz auf den Bänken vor den bodentiefen Fenstern zu ergattern, braucht man nach acht auf jeden Fall ein bisschen Glück – oder Geduld.

©Steve Herud

Oder man zieht einfach ein paar Häuser weiter. In der Münchener Straße 18 haben die Ardinast-Brüder zusammen mit einem Berliner Gastronom die erste Pastrami-Bar Deutschlands eröffnet. Maxie Eisen hat sie das Trio getauft, nach dem Chicagoer Mafioso und Gegenspieler Al Capones. Neben Pastrami, also gepökelter und geräucherter Rinderbrust, kommen weitere US-Klassiker auf den Tisch, zum Beispiel Cesar Salad, Chicken Wings mit Blaukäse-Dip und Cheesecakes. Abends öffnet sich das Maxie Eisen gehobener Trinkkultur. Hinter der tagsüber geschlossenen Schiebetür verbirgt sich ein eleganter Bartresen, an dem seltene Cocktail-Perlen geschüttelt und gerührt werden.

©EatDoori

Von der amerikanischen Ostküste nach Südasien: Im Frankfurter Bahnhofsviertel braucht man dafür nur ein paar Minuten. In der Kaiserstraße ins eatDoori einzutauchen ist wie ein Kurztrip nach Indien. In dem schmalen Restaurant duftet es von mittags bis nachts nach heißem Chai, scharfen Currys und Chicken Tikka aus dem Tandoori-Ofen. Straßenküchen-Atmosphäre mit modernem Twist, lebendig und stylish. Wem wichtig ist, möglichst gesund, frisch und ausgewogen zu essen, der wird bei What the food bestens bedient. Ob Sandwiches, Porridges, Suppen, Smoothies, warme Mahlzeiten, vegane oder vegetarische Gerichte: Überall steht drauf und dran, was drin ist. Die knapp 50 Plätze sind gut verteilt, hier und da reiben sich ein paar knallige Farbakzente am aufgeräumten Schwarz-Weiß-Look. Dass das Bahnhofsviertel noch vor einigen Jahren alles andere als angesagt war – hier kann man das glatt vergessen.

 

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